Von Chefideen und glücklichen Kühen


Luzern, Hamburg, Taipei und Hongkong – wem auch immer ich hierzulande meine Visitenkarte gebe, dessen Interesse fällt sofort auf Taipei. Warum Taiwan? Was macht ihr da? Natürlich habe ich hierzu stets eine Antwort parat: Ich erkläre unser bewährtes Vetica-Modell, das die drei Bereiche Strategie, Branding und Produktdesign zusammenbringt, und ich lobe die zahlreichen Vorteile des internationalen Austausches. Was dies aber konkret bedeutet und welchen Erfahrungsschatz wir damit haben, weiss ich spätestens seit unserem Workshop und Austausch in Taipei. Und die eine oder andere Erkenntnis ist doch eher überraschend, aber auf jeden Fall bereichernd.

«Swiss Know-how» im «User Centered Design» war gefragt und damit die Ausgangslage für die Planung und Durchführung eines Kunden-Workshops zur Einführung eines neuen Brands. Mit einer grösseren Gruppe vom CEO bis zu möglichen Nutzern des zukünftigen Produkts und Brands planten wir die verschiedenen Bedürfnisse der Nutzer abzuholen und gemeinsam mit dem Kunden einen «Customer Journey» – eine Reise durch die entsprechende Markenwelt – zu erarbeiten. Nichts Aussergewöhliches, ein Service-Design-Projekt, das wir mit unseren lokalen Kunden schon mehrfach erfolgreich durchgeführt haben.

Nach einem letzten kulturellen Briefing im Office von Vetica Taipei zur Übergabe der Visitenkarten – immer zweihändig und mit einem kurzen Moment des Innehaltens und Respekts für den Namen und die Funktion des Gegenübers. Wir fühlen uns gut vorbereitet und freuen uns auf die Inputs aus dem Workshop. 

«User Centered Design» ist Neuland für unsere taiwanesischen Kunden, die unseren Ausführungen gespannt folgen und wohlwollend nicken. Etwas aus dem Konzept wirft uns dann aber doch die Frage des CEOs, warum wir denn überhaupt einen Workshop machen? Ob wir als Agentur nicht wissen, was zu tun ist? Was in der Schweiz als Involvement und Bedürfnisabfragung beim Kunden gilt, löst in Taiwan den starken Verdacht auf Unwissenheit und Unerfahrenheit der Agentur aus. Wenn eine Führungsperson die Idee für ein Produkt und dessen Brand hat, dann hinterfragt niemand, ob, wann und für wen dieses Produkt zum Einsatz kommt. Das Produkt wird vielmehr so schnell als möglich entwickelt und auf den Markt gebracht. Die Rolle einer Branding-Agentur ist in Taiwan eine ganz andere als in der Schweiz. Was bei uns für die Analyse einer Marke ein Muss ist – die Sicht von Innen und von Aussen, die Analyse der Touchpoints , der Zielgruppen und der Konkurrenz – ist in Taiwan die Übersetzung einer Idee des CEOs für seine Angestellten. Der User wird nicht nach seinen Bedürfnissen gefragt, diese werden ihm aufgezeigt und bereits für ihn gelöst.

Werde ich in Zukunft nach Sinn und Zweck unserer Standorte gefragt, gibt es zahlreiche Erfahrungen und Erkenntnisse, die die internationale und interdisziplinäre Arbeit für unsere Kunden erst richtig glaubwürdig machen.

So habe ich auch gelernt, dass unter Swissness nicht Uhren, Qualität oder Käse verstanden wird, sondern: «Switzerland is such a nice place, even the cows look very happy».